17.11.2017
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Interactive Fiction mit Twine

Obwohl nicht direkt dem Transmedia Storytelling dazugehörig, so ist der Begriff der „Interactive Fiction“ dennoch eng damit verwandt und wird gerne immer wieder im gleichen Atemzug genannt (falls beides nicht irrtümlicherweise als dasselbe betrachtet wird).

Gerade für Transmedia Storyteller die sich für den Markt der Apps und eBooks interessieren, ist „Interactive Fiction“ ein wichtiges Thema, obwohl der Begriff alles andere als neu ist. Bereits in den 80er wurde darunter beispielsweise Text Adventures einerseits und die sogenannten Spielebücher andererseits, bei denen der Leser zwischen Passagen hin- und herblättern mußte, um einen Weg durch die Geschichte zu wählen, zusammengefaßt (ersteres waren etwa Computerspieleklassiker wie „Adventure“ oder „Zork“, letzteres etwa die in Deutschland populäre „Fighting Fantasy“-Buchreihe).

Das Aufkommen von Tablets und eReadern haben zu einer Renaissance der Interactive Fiction beigetragen und viele Verleger experimentieren mit entsprechenden Formaten, bei denen die Interaktivität der Benutzeroberflächen über das simple Umblättern einer Seite in einem eBook hinausgeht.

Für den Autoren im Bereich Transmedia stellt Interactive Fiction eine große Chance dar sich mit Formen des nonlinearen Erzählens und der Interaktivität im kleinen Maßstab vertraut zu machen, doch nicht selten scheitert das an mangelnden technischen Kenntnissen. Diese Lücke schließt (zu einem gewissen Teil) das kostenlose Tool Twine.

Twine ist eigentlich nur die grafische Version des mächtigeren Tools Twee, dass allerdings wesentlich höhere Anforderungen an den Benutzer stellt, weswegen es hier erst einmal nur um Twine gehen soll.

Das Programm umfaßt nur schlanke 4MB und läuft selbst auf dem technisch anspruchslosesten Computer. Dementsprechen minimalistisch präsentiert er sich beim ersten Start: Ein einfacher Bildschirm mit einem Kästchen benannt „Start“ erscheint. Ein Doppelklick auf das Kästchen und ein spartanischer Texteditor erscheint in dem man seine Geschichte schreiben kann.

Oberfläche von Twine

Sobald man eine Passage beendet hat, markiert man den Text, der die Auswahlmöglichkeit für den Leser umschreibt und klickt im ersten Menüpunkt „Passage“ die Option „Create Link named …“ an. Schon hat man eine Abzweigung in der Geschichte realisiert. Ein zweites, durch ein Pfeil verbundenes Kästchen erscheint, zu dem der Link hinführt und man kann mit einem Doppelklick sofort mit dem Schreiben fortfahren. Alternative Abzweigungen lassen sich genauso einfach hinzufügen, indem man einfach eine andere Textmarkierung markiert und mit einem Link versieht.

Verästelung einer Geschichte

Weder stören umfangreiche Menüs, noch große technische Hürden den Schreibfluß. Über die grafische Darstellung der Kästchen ist sehr leicht die Baumstruktur der Geschichte zu verfolgen und sorgt so für Übersichtlichkeit.

Wenn die Geschichte zum Abschluß gekommen ist, geht man einfach auf den Menüpunkt „Story“, drückt dort „Build Story“ und erhält eine HTML-Seite als Ergebnis, die man in jedem beliebigen Browser ansehen kann. Auch diese wirkt auf den ersten Blick recht spartanisch, doch damit auch im besten Sinne geschmacksneutral.

Beispiel: 'A Walk In The Park'

Das Twine eine HTML-Seite produziert ist hierbei eine der Stärken des Programm: Nicht nur, kann man als Autor diese durch einfaches Hochladen ins Netz sofort publizieren, sondern sie erlaubt auch durch einfache Bearbeitung des HTML-Codes sie in entsprechend aufzuwerten. Sei es indem man ihr ein passenderes Layout gibt, sei es indem man Bilder oder Videos einfügt. Zudem unterstützt eine lebendige Community die Entwicklung durch Makros, kleine Programmschnipsel, die für fortgeschrittenere Nutzer weitere technische Optionen in einer Geschichte eröffnen oder das Layout verändern.

Auch wenn es bisher kaum kommerzielle Nutzung für Twine gibt, so hat sich dennoch eine aktive Gruppe von Autoren darum gebildet, die mal kleinere, mal größere Geschichten damit umsetzen. Sicherlich gibt es wesentlich mächtigere Tools für nonlineares Erzählen mit denen sich ansprechendere oder kommerziell verwertbarere Geschichten anfertigen lassen, doch für Einsteiger ist Twine ein perfekter Startpunkt, der sich ohne Kosten und technische Hürden nutzen läßt.

Twine kann man hier kostenlos für Mac OS und Windows herunterladen.

Über Philipp Zimmermann

Philipp Zimmermann ist eigentlich gelernter Drehbuchautor, doch seitdem ihm mal jemand gesagt hat, dass er "gut mit dem Internet kann" ist er vor allem Autor für Transmedia und Gaming. Er bloggt für Transmedia Storytelling Berlin, Das Wilde Dutzend, sowie in eigener Verantwortung unter kaminkatze.de

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  • Naii

    Danke für den Artikel. Ich hatte mich 2010 mit dem Thema Text-Adventures bzw. „IF“ beschäftigt und hatte Twine aber noch nicht auf dem Schirm. Macht wirklich einen guten, einfachen Eindruck.

    Als weitere Ausführung zu meinem Tweet-Feedback — https://twitter.com/Naii/status/347633172709777408 — zum Artikel, möchte ich auf (m)eine Arbeit zum Thema Text-Adventures hinweisen, die kostenlos bei Scribd zu finden ist: http://de.scribd.com/doc/46259321/User-Experience-in-tastaturgesteuerten-Text-Adventures

    Dort gehe ich insbesondere auf die User Experience ein, indem ein eigener Text-Adventure-Prototyp gebaut wird – allerdings in eigener Programmierung.

    Womöglich ist sie für den einen oder anderen interessant.

    Vielen Dank!

    • Hallo!

      Bitte um Entschuldigung für das späte Feedback!

      Inform ist mit als Plattform bekannt, wobei ich es als weniger einsteigerfreundlich, dafür aber vielseitiger betrachte als Twine. Ich denke es ist für erfahrenere IF-Autoren sicherlich eine sehr interessante Option.

      Vielen Dank für den Hinweis auf Ihre Arbeit. Ich werde Sie mir bei Gelegenheit mal durchlesen.

  • Pingback: Interactive Fiction mit Twine | Webdoc - outils...()